Islampress

Polizeieinsatz beendet Flitterwochen

Wegen Terrorverdachts stürmten Polizisten das Ferienhaus eines muslimischen Paares bei Walsrode


1. Die Fakten

Omar Abo-Namous und seine Frau Musafira Kathrin Klausing aus Stöcken verbrachten ihre Flitterwochen in einem kleinen Dorf bei Walsrode und gerieten aus nichtigem Anlaß ins Visier von Terrorfahndern. Nachbarn hatten die Beamten informiert, weil das Paar ohne eigenes Auto und nach Einbruch der Dunkelheit angereist war.

„Wir können nicht fassen, was uns da passiert ist“, sagt Omar Abo-Namous. Der 26-Jährige, der einen deutschen Pass hat und an der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, hatte das Urlaubsziel in Hamwiede bei Walsrode im Internet gebucht. Musafira ist eine deutsche Konvertitin. Vor sieben Jahren wurde sie Muslima. Sie ist 32 Jahre alt und hat in Berlin Islamwissenschaft studiert.


Hier der Bericht Musafiras

»Das wichtigste: Omar und Ich haben vor ein paar Wochen geheiratet, alhamdulillah. Zur Erholung vom ganzen Heiratsstress mit den verschiedensten Feiern in Osnabrück und Hannover wollten wir eine Woche in einem Ferienhaus in der Lüneburger Heide verbringen. Den Urlaub mussten wir dann leider vorzeitig abbrechen, weil uns etwas unglaubliches passiert ist. Aber der Reihe nach …

Am 25.10.2007 waren wir bereits seit 5 Tagen in den Flitterwochen in einem kleinen Dorf bei Walsrode in der Lüneburger Heide. Wir hatten dort ein kleines zweistöckiges Ferienhaus in der Nähe eines Waldgebietes gemietet in direkter Nachbarschaft zu anderen bewohnten Grundstücken.

Am Donnerstagabend hatten wir grade eine Partie Scrabble beendet, die ich leider verloren habe. Ich bin eine ganz schlechte Verliererin und legte mich aufs Sofa. Omar ging ins Bad, als es heftig an der Haustür klopfte. Ich schrak auf, konnte mich aber vor Herzklopfen nicht rühren. Dann klopfte es ein zweites Mal heftig. Omar eilte schon aus dem Badezimmer und rief mir zu, dass er an die Tür gehen würde. Ich versuchte mir noch schnell mein Gebetskleid überzuziehen, da ich in dem Moment natürlich kein Kopftuch trug.

Omar rief unterdessen “Einen Augenblick, bitte” in Richtung Tür und schaute durch den Vorhang der vor der Glastür hing. “Polizei, bitte aufmachen” rief es von draußen. Omar schloss die Tür auf und öffnete die Tür, als die Polizei auch schon in das Haus stürmte. Omar hielt einen Arm vor die Tür mit der Bitte “Einen Augenblick, meine Frau zieht sich grade an”. Ein großer Polizist in schusssicherer Kleidung drückte seinen Arm weg und ein älterer grauhaariger Herr (der befehlsführende Beamte) hielt Omar seine Dienstmarke vor das Gesicht. Der große und zwei andere Beamte preschten in der Zeit voran in das Haus. Der ältere Herr kam mit Omar in den Wohnraum. In der Zeit hatte ich es noch geschafft, mich anzuziehen und ging auf den Beamten zu und streckte ihm meine Hand zur Begrüßung entgegen, was aber nicht erwidert wurde. Omar und ich mussten uns dann hinsetzen aufs Sofa, während das Haus durchsucht wurde. Mindestens zwei Beamte gingen nach oben in die Schlafzimmer und kamen nach einer halben Minute wieder nach unten. Ein Beamter schaute sich die Walsroder Tageszeitung an, die auf einem Tisch lag. Wir hatten sie am selben Tag in einem nahegelegenen Dorf gekauft. Wir können uns beide nicht erinnern, dass das Badezimmer durchsucht wurde.

Der ältere Beamte der Kriminalpolizei in Soltau setzt sich nun auf das Sofa gegenüber von uns und erklärte uns, jemand hätte am selben Tag folgende Indizien gemeldet: Am Sonnabend sei ein orientalisch aussehendes Pärchen “im Dunkeln” ohne Auto in Dorf angekommen. Das war alles. Beide Beamte, die mit uns sprachen machten einen netten und anständigen Eindruck auf uns. Dennoch war ich aufgrund der Verletzung unserer Privatsphäre tief erschüttert.

Uns wurden nun Fragen gestellt:

Warum wir Flitterwochen in Hamwiede machen? Ohne Auto? Warum kamen wir im Dunkeln an? Wir antworten, dass wir das haus über das Internet unter www.heideurlaub.de gefunden haben, die Besitzer zu den ersten gehörten, die sich bei uns gemeldet hatten, der Preis unserem kleinen Budget entgegenkam, wir uns noch kein Auto leisten können und dass wir erst so spät ankommen konnten, weil unsere Hochzeitsfeier erst gegen 19 Uhr am Samstag beendet war.

Der Beamte verlangte unsere Personalausweise und fragte telefonisch irgendwo nach, ob gegen einen von uns etwas vorläge. Währenddessen stellte Omar ein paar Fragen an den großen kräftigen Herrn in der schusssicheren Weste. Er sagte uns, dass sie mit acht Beamten (die eigens zu diesem Einsatz aus den Betten geholt wurden) angerückt sind. Vier umstellten das Haus, während vier weitere in das Haus eindrangen. Die Beamtin stand während der ganzen Zeit des Gesprächs still im Hintergrund. Der ältere Herr hatte etwas Probleme, die Nummern auf dem Personalausweis zu lesen, da er seine Brille nicht dabei hatte, er bat den großen Beamten sie ihm vorzulesen. Dann gab er diese dann an die andere Person am Ende der Leitung weiter und merkte dabei noch anerkennend an, dass Omar fließend und akzentfrei deutsch spricht, also schon als junger Mann nach Deutschland gekommen sein müsse. Er fragte auch noch nach seinem Herkunftsland und seinem Beruf. Omar wusste nicht was die Frage soll, da er ja Deutscher ist.

Während wir auf die Rückmeldung zu unseren Daten warten, redeten wir mit dem verantwortlichen Beamten. Ich fing an zu weinen, weil ich diese ganze Aktion nicht fassen konnte und geschockt war. Ich fragte ihn was diese Aktion denn jetzt sollte? Er sagte, dass dies mit einer ganz normalen Kontrolle – wie etwa der Alkoholkontrolle bei Autofahrern – zu vergleichen sei. Wir konnten nicht fassen, dass es einen solch großen aufwändigen Polizeieinsatz aufgrund dieser lächerlichen “Indizien” gab. Das Telefon klingelte und es schien nichts Nennenswertes über uns zu geben, was wir dem Kommentar “Leider haben wir tatsächlich ein Paar in ihren Flitterwochen gestört” entnahmen. Ich fragte den Beamten in was für einem Land wir eigentlich leben und er antwortete “In einem sicheren”. Zum Schluss wurde uns dann auch die Hand gereicht.

Ganz ehrlich, Sicherheit ist das letzte, was uns durch diese Aktion vermittelt wurde …«


2. Stellungnahme der Polizei

Musafira schreibt in ihrem Nachtrag: »In den Kommentaren wurde geäußert, die Geschichte sei frei erfunden. Politblog hat den Fall recherchiert und mit der Pressestelle der zuständigen Polizeiinspektion Soltau-Fallingabostel Kontakt aufgenommen. Der dortige Pressesprecher Detlef Maske bestätigte gegenüber Politblog den Einsatz in folgender Weise:

Es sei ein Hinweis aus der Bevölkerung gekommen. Derartigen Hinweisen müsse die Polizei angesichts der internationalen Sicherheitslage nachgehen. Am späten Abend des 25. Oktober hat diese “Gefahr abwendende Maßnahme” stattgefunden. Derartige Einsätze sind möglich auf der Grundlage des “Niedersächsisches Polizeigesetzes”(s.w.u.). Ein richterlicher Durchsuchungsbefehl sei dafür nicht erforderlich.In der ersten Darstellung wurde Politblog gegenüber geäußert, “ja, es hat eine solche Personenkontrolle stattgefunden. Die Beamten haben lediglich die Personalien überprüft und dazu mit den Bewohnern ein nettes Gespräch an der Haustür geführt.”

Auf den Einwand, das stimme nicht im Geringsten mit den Angaben der Betroffenen überein, wurde auf Nachfrage – im Hintergrund, offensichtlich bei dem Einsatzleiter – bestätigt, die Polizei hätte die Wohnung betreten.Erneutes Nachhaken von Politblog: “Das Ehepaar spricht von acht Beamten, vier davon in der Wohnung, einige sogar in schusssicherer Kleidung und weiter von einem Einsatzleiter, der die Personalien überprüfte. Zwei der Beamten hätten ohne Beisein der Betroffenen weitere Räume betreten. Drei Beamte seien nach dem Öffnen der Tür unmittelbar in das Haus gestürmt. Ist das keine Hausdurchsuchung?”

Wieder Nachfrage im Hintergrund. Ja, es seien Sicherungsmaßnahmen im Haus durchgeführt worden. Die Beamten hätten sich davon überzeugen müssen, ob weitere Personen im Haus seien. Dazu mussten sie auch in anderen Räumen nachschauen. Eine Bitte von Politblog: “Herr Maske, dürfen wir Ihnen einmal den Text aus der Sicht der jungen Frau vorlesen?” “Ja, gerne”, erwiderte Detlef Maske durchaus geduldig und gesprächsbereit. Nach einigen Passagen aus dem Original und einer kurzen Zusammenfassung von Musafiras Text erhielten wir auf die Frage, ob sich der beschriebene Vorfall so ereignet haben könnte, ein klares “Ja” als Antwort.

Wir haben uns für die Auskünfte bedankt und erhielten kurz darauf einen weiteren Anruf vom Pressesprecher, der immer noch sehr freundlich war. Er wolle noch einmal darauf hinweisen, dass es sich um keine Hausdurchsuchung gehandelt habe, sondern um eine Sicherungsmaßnahme zur Gefahrenabwehr. Man müsse diese Maßnahmen vor dem Hintergrund der internationalen Lage sehen. Auch wenn wir in Deutschland noch nicht so unmittelbar betroffen seien, müsse man auch aufmerksame und besorgte Nachbarn verstehen. Ob es denn üblich und nötig sei, eine solche “Personenkontrolle” zu nachtschlafender Zeit und mit einem derartigen Aufgebot durchzuführen, wollte Politblog wissen. “Ja, das sei in solchen Fällen durchaus angemessen”, so die Antwort des netten Beamten aus Soltau.«


3. Die Deutung

Daß die Polizei bei Walsrode ohne Grund in voller Kriegsbekleidung ein Haus stürmt, in dem ein junges muslimisches Paar gerade seine Flitterwochen verbringt, ist schon schlimm genug und sollte in einem geordneten Gemeinwesen zu einer Abmahnung der Verantwortlichen führen. Daß aber das, was nur als peinliche Folge eines Zusammenspiels von Denunziantentum und einem Mangel von Verstand und Urteilskraft begriffen werden kann, im nachhinein als richtig und angemessen deklariert und mit der internationalen Sicherheitslage erklärt wird, ist ein Skandal.

Als erstes fällt die Reaktion des Polizeibeamten auf, der Musafiras Empörung, in was für einem Land wir hier eigentlich lebten mit der trotzig dummen Sequenz quittiert: “In einem sicheren!”. Daß anstelle einer förmlichen Entschuldigung für ihr absolut unangemessenes Verhalten das letzte Glied der exekutiven Befehlskette es wagt, so etwas zu sagen, beweist den verhängnisvollen Einfluß der sicherheitshysterischen Propaganda der übergeordneten Behörden der letzten Monate.

Es war uns schon klargeworden, daß der Bundesinnenminister seiner mangelhaften Kenntnis des Islams wegen ein Sicherheitsrisiko darstellt und die Maßlosigkeit seiner Beurteilung der Sicherheitslage als Ausdruck einer akuten Sinnkrise der Sicherheitsbehörden gesehen werden muß. Sein Verlangen der Möglichkeit gezielter Tötung eines bloß Verdächtigen ließ uns Herrn Dr. Schäuble, dem Terrorismus-Wahn endgültig erlegen, die Aufsuchung ärztlichen Beistandes und den Verzicht einer weiteren Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben empfehlen. Schließlich hatten Vorkommnisse bei der Bundesstaatsanwaltschaft deutlich gemacht, daß die Krankheit wahnhafter Terroristenfurcht sich epedemieartig bis zur nächsttieferen Stufe der Ermittlungsbehörden verbreitet haben muß. Jetzt zeigt sich, daß die Seuche einer krankhaften Schwächung des Vermögens angemessener Beurteilung von Tatsachen – ein ganzes Land scheint krank im Kopf zu sein – den letzten Dorfposten der Polizei erreicht hat.

Krudeste Ausfälle der Urteilskraft in Verbindung mit deutlichen Verstößen gegen geltendes Recht und Amtsanmaßung in Verbindung mit einem sicherheitshysterischen Werbefeldzug sind die Quelle, aus der sich jenes trotzige Statement “in einem sicheren” speist. War es schon ausgesprochen peinlich, den Herrn Bundesminister des Inneren immer wieder in geradezu idiosynkratischer Manie die Internationalen Sicherheitslage beschwörend in Spiel bringen zu sehen, so kan es nur ein böser Traum sein, wenn der “freundliche” Pressesprecher der Polizei Soltau-Fallingabostels, Herr Detlef Maske, im Gespräch mit dem Politblog – Danke, Pony-Huetchen! – erklärt, man müsse diese “Maßnahmen vor dem Hintergrund der internationalen Lage” sehen. Auch wenn wir in Deutschland “noch nicht so unmittelbar betroffen” (!!) seien, müsse man auch aufmerksame und besorgte Nachbarn verstehen.

Das ist doch ein jämmerliches Gewäsch. “Noch nicht so unmittelbar betroffen”? Die sprachlogische Unmöglichkeit, Dispositionsprädikate und Negationen zu steigern, gibt schon einen Fingerzeig darauf, daß es nur Gewäsch sein kann, was dieser freundliche Herr Maske da von sich gibt. Gibt es einen guten Sinn der sogenannten falschen Formulierung, die, einem inneren Gesetz des Sprachgebrauch folgend, immer dann auftritt, wenn jemand lügen und bertügen will, so frage sich: Was soll hier verborgen werden?

Die Antwort lautet: Was verborgen werden soll, ist die offenkundige Unangemessenheit der Entscheidung, acht Polizisten in einen Einsatz geschickt zu haben, für den es keinen guten Grund gab. Und wenn Herr Maske erklärt, “derartigen Hinweisen” müsse die Polizei angesichts der internationalen Sicherheitslage nachgehen müssen, hätte sich die (leider versäumte) Nachfrage gelohnt: »”Derartige Hinweise”, worin hatten die denn bestanden?« Die hatten – und nun wird alles klar – schlicht in dem Hinweis bestanden, daß am Sonnabend ein orientalisch aussehendes Pärchen “im Dunkeln” ohne Auto in Dorf angekommen war. Zusammengefaßt behauptet also die Polizei:

Die internationale Sicherheitslage macht es erforderlich, daß acht Polizisten in voller Kriegsausrüstung ausrücken, wenn ein orientalisch aussehendes Pärchen im Dunkeln an einem Samstag per Taxi in einem Dorf ankommt.

Daß eine als “Personenkontrolle” deklarierte Verletzung des Hausrechts zu nachtschlafender Zeit und mit einem derartigen Aufgebot “in solchen Fällen durchaus angemessen” sei, wie der Polizeisprecher erklärte, zeigt, daß nun auch unsere Polizei bis ins letzte Glied hinein, jenem Terroristenwahn der Schäubles erlegen ist. Oder war es nur eine Schutzbehauptung wie jene erst auf Nachfrage zurückgenommene Behauptung, es sei lediglich an der Tür eine Personenkontrolle gemacht worden? Wo bleibt der Staatsanwalt, der in diesen Sumpf mal ordentlich reinlangt?

Hat das Paar eigentlich Strafanzeigen gestellt?