Islampress

Eine Liebe, die die Haferflocken umrührt - Wie Muslime den Propheten und Messias Jesus (as) sehen

Vor einiger Zeit hatte es im Christlich-Islamischen Dialogforum, das seit einem Jahr dabei ist, sich aufzulösen, einmal eine Diskussion um das Verständnis der Person Jesu gegeben, die die verschiedenen Sichtweisen von Christen und Muslimen so deutlich hervortreten ließ, daß man zu ihrem Verlauf nur sagen kann: Wenn er nicht wahr wäre, wäre er in jedem Falle – dona e mobile – um so besser erfunden ) gewesen. Doch seht selbst.

Als Antwort auf: @Eckhart – Gewinn und Verlust geschrieben von m. miehl am 22. Mai 2005 14:20:34:

Lieber Eckhart,

für gewöhnlich vermeide ich jede Art von cross-postings – nimm diese Ausnahme als Zeichen dafür, wie alarmiert ich bin…

Du fragst nach Verlust und Gewinn, und beides läßt sich benennen.

Der Gewinn eines Glaubens, der das Kreuz hinter sich ließe, wäre die Einfachheit. Glauben wäre schlicht, seelisch und intellektuell anspruchslos, und vielleicht so lange “befriedigend”, wie man sich vor den letzten Fragen herumdrücken kann.

Der Verlust des Glaubens an das Kreuz wäre der Verlust all dessen, was das Verhältnis des Christen zu Gott einzigartig macht und die Negierung all dessen, was das christliche Menschenbild so besonders macht. Ohne Kreuz keine Auferstehung, keine Erlösung, keine Sinngebung des Leidens im menschlichen Leben, keine Hoffnung. Keine Liebe.

Die große Versuchung ist, sich der Komplexität zugunsten der Simplizität zu entziehen.

Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen Sohn hingab.

Gesegneten Dreifaltigkeitssonntag,

Pax u salaam,

mm

Liebe Melanie,

vielen Dank für Deine prompte Reaktion auf meine Fragen im Abendstern-Islam-Forum, die ich dir um so höher anrechne als du ja, wie du schreibst, “jede Art von cross-posting” sonst vermeidest.

Habe einige Tage nachgedacht. Und ich verstehe genau, was du meinst: “Ohne Kreuz keine Auferstehung, keine Erlösung, keine Sinngebung des Leidens im menschlichen Leben, keine Hoffnung. Keine Liebe.” So haben wir es gelernt, in diesem Glauben sind wir aufgewachsen. Und Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen Sohn hingab. – Ja wir können uns keine größere Liebe Gottes vorstellen als die, seinen Sohn zu opfern. Alle andere Art, sich die Liebe Gottes vorzustellen, erscheint uns im Vergleich dazu als blaß, zweitklassig, schwach. Denn es ist eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, eine Ungeheuerlichkeit von eigentümlicher Tiefe und Brisanz

Und dennoch: Was machen wir, wenn diese Ungeheuerlichkeit nur ein schauerlich-schönes Märchen, eine geniale Erfindung, eine Umdeutung der Geschichte ist, die in Wahrheit ganz anders verlief? Sicher, wir haben es so gelernt und uns mit Freude dem myterium fidei hingegeben, einer Sache, die wir eigentlich nicht verstehen. Und dennoch: Was machen wir, wenn die Heilseschichte nicht mit Jesus, sondern schon mit Adam begonnen wurde und bis heute noch nicht vollendet ist. Die Juden und die Muslime warten noch auf den Messias, den Erlöser. Und sie verweisen auf den Zustand der Welt und den Zustand unserer Herzen. Es gibt zwischen Juden und Muslime tatsächlich einen heilgeschichtlichen Strang, demgegenüber das christliche Verständnis tatsächlich als eine Art von Betriebsunfall der Heilsgeschichte gesehen werden könnte.

Unserem Satz Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen Sohn hingab. könnten die anderen einen Satz entgegenstellen, der etwa lautet. Gott hat seinen geliebten Propheten Jesus so sehr geliebt, daß er es nicht zugelassen hat, daß er gekreuzigt wurde. Und das hätte auch etwas.

Du sagst: “Der Gewinn eines Glaubens, der das Kreuz hinter sich ließe, wäre die Einfachheit. Glauben wäre schlicht, seelisch und intellektuell anspruchslos, und vielleicht so lange “befriedigend”, wie man sich vor den letzten Fragen herumdrücken kann.” Da sage ich: Die Einfachheit ist doch nichts Schlechtes, auch die Schlichtheit nicht. Diese Einfachheit hat viele Dimensionen, und ich sehe nicht, wie eine solcher Glauben der Einfachheit eines einzigen Gottes “seelisch und intellektuell anspruchslos” wäre. Salim aus dem Abendstern-Islam-Forum hatte mir, wie du weißt, auf meine Frage unter dem Titel: Es zählt eine Liebe, die die Haferflocken umrührt dies geschrieben:

»Lieber Eckhart,

pax wassalam.

was würdest du gewinnen? Was verlieren? – Du würdest die Besonderheit, fast möchte man sagen, die Exzentrik des Paulinischen verlieren, daß eben dieser Prophet, auf dem der Friede sei, aus der langen Reihe der Propheten tanzt, sofern er nach griechischem Vorbild zu einer Art Superstar erhöht wurde.

Was du gewinnst, wäre eine Rückkehr in die wahren Verhältnisse. Unser Herr Jesus, der Friede sei auf ihm, wäre wieder eingebettet in die Geschichte der Propheten von Adam bis Muhammad, der Friede sei auf ihnen allen. Du gewönnest die Geborgenheit zurück dessen, daß der unter Muslimen hochgeehrte Prophet wieder zu dem wird, was er immer war, zum lebendigen herrlichen Propheten nämlich. So wie in der romantischen Liebe Tristan nämlich mit der vergötterten Isolde nicht bloß den einen Gott, sondern die wirkliche Frau verliert und eine Liebe, die die Haferflocken umrührt, so verliert der paulinisch verführte Christ, da er den Propheten Jesus vergöttert nicht bloß den Glauben an den einen Gott, sondern auch den wirklichen wunderbaren Propheten und Messias Jesus. Verstehst du?

Ich verstehe deine Not. Ich selbst bin katholisch erzogen und habe aus alten Zeiten Freunde, die katholisch sind. Überleg dir die Sachen in Ruhe. Gern helf ich dir bei Fragen.

Das Beste,

Salim«

In Würdigung dieser Antwort finde ich, liebe Melanie, es nicht richtig, die Einfachheit als Anspruchslosigkeit zu deuten. Das Gegenteil scheint sogar richtig zu sein. Da ist einmal die Geborgenheit im Schoße der “einfachen” einen Heilsgeschichte aller Propheten, die Gott den Menschen gesandt hat. Das ist sowenig anspruchslos, wie die Einfachheit eines mathematischen Beweises ja sogar im Gegenteil ein Qualitätsmerkmal und Bescheidenheit und Bescheidung allemal kein Übel sind.

Dann die Rolle Jesu. Es scheint, die Muslime verehren Jesus in ganz besonderer Weise als Mesias und Propheten, nur nicht als den Erlöser. Und sie verehren auch die heilige Jungefrau Maria. Und sie nennen deren Namen nie, ohne eine respektvolle Eulogie anzuhängen. In ihnen geschieht, so einfach, so konkret, empirisch und alltäglich verstanden, vielleicht eine Heiligkeit, die gerade in der Einfachheit ihre Tiefe und auf eine ganz eigene Art etwas umwerfend Besonderes hat. Wenn Isolde, das scheint Salim in seiner Antwort anzudeuten, als wirkliche Frau genommen, alles Großspurige, Aufgeblasene, verliert, das der romantischen Liebe eigen ist, und zu einer wirklichen Frau wird (mit einer Liebe, die die Haferflocken umrührt), dann erst beginnt das eigentliche Spiel des Lebens mit höchsten Höhen und tiefsten Tiefen, dann erst spielt die Musik, dann erst wird getanzt. So wie die Ewigkeit in der Sekunde gerinnt, so verliert die wirklich gewordene Frau Isolde alle Abstraktheit und Oberflächlichkeit, die sie als verehrte Diva hatte. Sie wird zum umwerfenden Wunder einer wirklichen Frau! Und Ähnliches könnte in der Analogie auch über einen eben nicht als Gottes Sohn verstandenen Propheten Jesus gesagt werden, ohne daß diese Sicht oberflächlich sein muß. – Kannst du das nachvollziehen, Melanie?

Zusammenfassend ist also zu sagen: Es wäre, liebe Melanie, wohl ungerecht, der Gegenseite Tiefe abzusprechen, weil diese im Konkreten, ja im Alltäglichen “des heiligen Augenblicks der Ewigkeit” ihr Glück verwirklicht. In einem meiner Lieblingsbücher, den “Erzählungen der Chassidim” von Martin Buber, sagt dieser in der Einleitung von der chassidischen Bewegung, sie beseitige “faktisch die Trennungsmauer zwischen dem Heiligen und dem Profanen, indem sie auch jede profane Handlung heilig vollziehen lehrte.” (Manesse-Ausgabe, S. 19)

Ist es nicht eine Sehnsucht aller Menschen das Heilige in jedem Augenblick zu finden?

So weit erst mal der Versuch einer ersten Antwort 


pax tecum et salam

Eckhart

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) Erfunden gewesen war die ganze Person des Eckhart, unter dessen Namen es mir, Salim, gelungen war, die Aufmerksamkeit – und gelegentlich auch Einsicht in unkorrektes Verhalten jenem Salim gegenüber – einiger christlicher Protagonisten jenes Diskussionsforums in einer Weise zu gewinnen, wie es unter meinem richtigen Namen niemals möglich gewesen wäre. Ich habe die Identität Eckharts am Schluß des Gespräches aber offengelegt.