Islampress

Der Glaube, der aus dem Herzen kommt

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Wie Muslime bei Fragen zu Übersetzungen aus dem Arabischen ungeahnte Feinheiten und Tiefen der deutschen Sprache entdecken können. Eine Antwort auf Amir Zaidans islamologische Weigerung, Deutsch zu sprechen. – vgl. hier- und hier und hier

cor, cordis – credo; qalbun – glauben

Gab es gute Gründe, in bezug auf das Wort »heilig« und »Heilige« davor zu warnen, voreilig auf den Gebrauch eines deutschen Wortes und die in ihm waltende Tiefe und Weisheit zu verzichten – niemand sollte glauben, durch einen solchen Verzicht frommer zu werden, da er in Wahrheit doch nur schlechteres Deutsch spricht -, stellt sich in allgemeinerem Sinn nun die Frage, inwieweit deutschsprachige Muslime vom Gebrauch eines gewohnten deutschen Wortes zugunsten eines arabischen Abstand nehmen sollen.

Um einem Mißverständnis vorzubeugen, sollte gesagt sein, daß Muslime sicherlich bestimmte arabischsprachige Wendungen schätzen und pflegen werden und auch sollen, auf denen ein besonderer Segen liegt. Bei der oben gestellten Frage geht es nicht um sie, sondern darum, ob man alltägliche Begriffe der theologischen Dogmatik oder normale im Koran auftretende Worte in ihrem arabischen Wortlaut in den deutschen Sprachgebrauch übernehmen sollte, statt sie ins Deutsche zu übersetzen.

Die Würdigung von Feinheiten

In seiner at-tafsir genannten Koranübersetzung vertritt Amir Zaidan tatsächlich eine solche Position und plädiert für eine »Würdigung der Feinheiten der arabischen Sprache«. Geschehe das nicht, könne es zu üblen Mißverständnissen mit ernsthaften Auswirkungen auf das Zusammenleben mit Nichtmuslimen kommen, wie wenn beispielsweise das koranische Wort »wali« ganz falsch mit »Freund« und die Koranstelle 4:144 entsprechend mit: »Ihr Gläubigen, Nehmt euch die Ungläubigen nicht als Freunde anstelle der Gläubigen!« übersetzt wird.

»Nach dieser Art der Übersetzung«, so erläutert Amir Zaidan, »erscheint es, als sei es den Muslimen nicht gestattet, Nicht-Muslime zu Freunden zu nehmen. Dies ist eindeutig falsch! Denn der Islam erlaubt den Muslimen sogar als halal, mit einer großen Gruppe der Nicht-Muslime, den Juden und Christen, nicht nur Freundschaften zu schließen, sondern durch Heirat auch engste verwandtschaftliche Beziehungen mit ihnen zu pflegen. Derartige Verdrehungen haben natürlich negative Auswirkungen auf den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Muslimen, die sich hier zu Recht diskriminiert fühlt. Außerdem zeigt die Erfahrung, daß sich nicht wenige christliche Gruppierungen mit Vorliebe dieser falschen Quran-Erläuterungen bedienen, um eine – wie verdeutlicht – nicht vorhandene „islamische Gefahr“ zu beschwören.« Um solchen Gefahren vorzubeugen, übersetzt er die entsprechende Passage so, daß er die problematischen arabischen Wörter einfach im Original stehenläßt, statt sie zu übersetzen.

Erscheint seine Argumentation auf den ersten Blick als plausibel, so kommen dann doch sofort Zweifel auf, wenn man sich seine Variante einer Übersetzung einmal genauer ansieht. Den ersten Teil yâ ayyuha lladhîna âmanû, der gewöhnlich mit »o ihr Gläubigen« oder mit »o ihr, die ihr glaubt« übersetzt wird, gibt er so wieder: »ihr, die ihr den Iman verinnerlicht habt«, was doch sehr gekünstelt daherkommt. Der zweite Teil seiner Übersetzung überzeugt vollends davon, daß mit dem ganzen Ansatz etwas nicht stimmen kann. »Nehmt euch die Kafir nicht als Wali anstelle der Mumin!« Ich finde: Das kann doch nicht ein ernsthafter Vorschlag für eine Übersetzung ins Deutsche sein, da der vorgeblich deutsche Text im wesentlichen aus arabischen Wörtern besteht!

Enttäuscht frage ich: Wo bleibt denn die geforderte »Würdigung der Feinheiten der arabischen Sprache«? Wie würde man deren Feinheiten – oder genauer, mit Blick auf was würde man deren Feinheiten denn überhaupt nur würdigen können?

Die Antwort lautet: Die Feinheiten der arabischen Sprache können überhaupt nur gewürdigt werden mit Blick auf das Deutsche, mit Blick auf das Vorhaben, eine Übersetzung anzufertigen. Nur im Ringen um das passende deutsche Wort kann jene Würdigung geschehen. Setze ich an die Stelle eines deutschen Wortes aber einfach das arabische ein, dann ist das nicht nur kein Ausdruck der Würdigung der Feinheiten der arabischen Sprache, sondern deren Verunmöglichung! Habe ich einmal das arabische Wort im deutschen Text und so das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, bedarf es der Feinheiten bzw. deren Würdigung gar nicht mehr.

Wer die Feinheiten des Arabischen wirklich würdigen will, der muß nach dem passenden deutschen Wort suchen! Und was das als problematisch geltende wâlî betrifft, so brauchen wir nur einmal ins arabische Wörterbuch zu blicken, um die Feinheiten kennenzulernen: walîy nahe; benachbart; nahestehend; – (pl. auliyâ) Helfer, Beistand, Wohltäter; Freund, Nahestehender; Verwandter; Patron, Schutzpatron; Vormund; Heiliger; Herr; Eigentümer; Besitzer | wâlî allâh der Freund Gottes; wâlî al-amr verantwortlicher Leiter; Machthaber, Sachwalter, Vormund; wâlî ad-dam Bluträcher; wâl al‘ahd Thronfolger, Kronprinz; wâlî an-ni‘ma Wohltäter (vgl. Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, 4. Aufl. Beirut, London 1977, S. 977).

Erscheint es im Zusammenhang jener genannten Koranpassage als problematisch, das Wort wâlî mit »Freund« zu übersetzen, so könnte man, entsprechend der Auskunft des Wörterbuchs, auf »Beistand«, »Wohltäter«, »Patron«, »Schutzpatron« oder »Vormund« zurückgreifen und jene Passage (4:144) zum Beispiel so übersetzen: »O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Ungläubigen anstelle der Gläubigen zu Patronen.«

Die grundliegende Schwäche des Ansatzes von Amir Zaidan, seiner Weigerung, durchgehend Deutsch zu sprechen, liegt darin, daß er die Wichtigkeit der Sprache, in die hinein übersetzt wird, völlig unterschätzt, weshalb er auch die Bedeutung der deutschen Sprache nicht erkennt.

Ich fürchte, es könnte bezeichnend sein, daß eine Würdigung der Feinheiten der deutschen Sprache bei Amir Zaidan entsprechend auch gar nicht vorgesehen ist. Und genau das ist es, was seinem ganzen Ansatz recht eigentlich den Boden entzieht. Daß ein Gutteil der Probleme einer Übersetzung ins Deutsche daher rühren möchte, daß die Feinheiten gerade des Deutschen praktisch unberücksichtigt bleiben, auf diese Idee scheint er gar nicht zu kommen. Dabei weiß jeder Verleger, daß es bei Übersetzungen ganz besonders auf diejenige Sprache ankommt, in die hinein übersetzt werden soll. Hier gilt bei qualitätsbewußten Verlagen das eherne Prinzip, daß die Sprache, in die hinein übersetzt wird, die Muttersprache des Übersetzers sein soll. Und wenn wir die gelegentlich beispielsweise von Studenten der Azhâr eintreffenden Angebote für Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche im Sinne jenes Prinzips beantworten – »tut uns leid, aber wir brauchen muttersprachliche Deutsche!« -, treffen wir auf vollkommenes Unverständnis: Ja, aber das Arabische sei doch so wichtig. Unsere Antwort lautet dann: »Ja klar, ist das Arabische wichtig. Aber den arabischen Text, den gibt es doch schon, wir brauchen einen ihn treulich wiedergebenden deutschen.«

imân und »Glauben«, eine Schärfung des Blicks für tieferliegende Schätze deutschen Sprachgebrauchs

Das richtige deutsche Wort für die Übersetzung eines arabischen zu finden, verlangt nicht nur eine Kenntnis verschiedener Wörter, sondern vor allem einen Sinn für die Tiefendimension des einzelnen Wortes. Diese erschießt sich oft durch eine Analyse des etymologischen Umfeldes.

Hatte Amir Zaidan vorgeschlagen, auf Wörter wie »Religion« oder »Glauben« zu verzichten und an ihrer Stelle das arabische Wort dîn oder imân zu benutzen, so heißt es im Glossar seines Buches at-tafsir: »Iman (I-man) linguistisch: „Zustimmung, Bestätigung, Anerkennung, etwas als wahr und gewiß annehmen, Vertrauen“. Islamologisch: „Die apodiktische Verinnerlichung der gesamten Inhalte dessen, was Muhammad (sallal-lahu ’alaihi wa sallam) als abschließende Offenbarung definitiv für alle Muslime verkündete und was per definitionem notwendiger Bestandteil des islamischen Din ist.« – Und dann heißt es: »Iman darf nicht als „Glaube“ übersetzt werden, da Iman auf Beweisführung und bewußte Verinnerlichung aufgebaut werden muß.« (a. a. O., S. 424)

Wie bitte? – Iman darf nicht als „Glaube“ übersetzt werden, da Iman auf Beweisführung und bewußte Verinnerlichung aufgebaut werden muß. Da fehlt in der Logik hinter Iman darf nicht als „Glaube“ übersetzt werden, da Iman auf Beweisführung und bewußte Verinnerlichung aufgebaut werden muß die Ergänzung: »… und dies bei »Glaube« nicht der Fall ist.« Das Fehlen dieser logisch notwendigen Bestimmung bezeugt deutlich, wie wenig den Autor deutsche Wörter interessieren.

Wir aber wollen einmal prüfen, ob es wahr ist, was der Autor zwar logisch voraussetzt, aber nicht einmal ausdrücklich sagt, daß dem Wort »Glaube« nämlich jener geforderte Sinn von Verinnerlichung wirklich fehlt. Und wir sehen auf den entsprechenden »Wikipedia-Eintrag«: http://de.wikipedia.org/wiki/Glaube:

»Das Wort „glauben“ ist die Übersetzung des griechischen „pisteuein“ mit der Grundbedeutung „vertrauen“. Ursprünglich gemeint war also nicht das unbestimmte „ich weiß nicht“, sondern im Gegenteil: „ich verlasse mich auf, ich binde meine Existenz an“. Es geht also zentral nicht um einen Gegenpol zum Wissen – für Glaube in diesem, dem Wissen entgegengesetzten Sinn steht im Griechischen das Wort „doxa“ -, sondern um Vertrauen, Gehorsam und Lebensübergabe. (Vergleiche: Geloben.)«

Hier rächt sich nun, daß Amir Zaidan zwar vielfach die Feinheiten der arabischen Sprache zu würdigen bereit ist, eine entsprechende Würdigung der deutschen Sprache bei ihm aber gar nicht vorgesehen ist. Finden sich in seinem Buch überall etymologische Hintergründe arabischer Wörter, so sucht man solche mit Blick auf ein deutsches Wort, beispielsweise »Glauben«, indes vergeblich. Es zeigt sich, daß die Ablehnung des Wortes »Glauben« als Übersetzung von iman sich nurmehr einer eklatanten Unkenntnis der Tiefenstruktur dieses Wortes verdankt. Denn berücksichtigt man die Nähe des Wortes zum »geloben«, dann ist es falsch und völlig abwegig, ihm wegen angeblich fehlender Innerlichkeit bzw. »bewußter Verinnerlichung« seine Tauglichkeit für die Übersetzung von iman abzusprechen.

Die Einsicht in die sogar besonders kraftvolle Innerlichkeit recht verstandenen »Glaubens« verstärkt sich noch, wenn man einmal die Nähe in den Blick faßt, die das Wort sprachlich zum »Herzen« hat. Geht das lateinische Wort für »glauben«, das credere (vgl. Credo in unum deum), auf die altindische Wurzel sraddha- »glauben« zurück, deren Bestandteile »Herz« und »setzen, stellen, legen«, zusammen also etwa: „sein Herz (auf etwas) setzen“ bedeuten, erscheint jene Ablehnung Zaidans als zunehmend problematisch, sofern es einen inniglichen auch sprachlich bezeugten Zusammenhang zwischen dem Glauben und dem Herzen gibt, so beispielsweise innerhalb des Lateinischen selbst »Glauben« und »Herz« als etymologisch als derselben Wurzel entspringend erkannt werden kann, was in konsonantischer Schreibweise c-r-d für »credo« (ich glaube) und das lateinische Wort für Herz, »cor, cordis« (dasselbe gilt für das griechische »kardia«), deutlich wird.

Der sprachlich angezeigte Zusammenhang zwischen dem Herzen und dem Glauben bedeutet der Sache nach eine Innerlichkeit, deren kraftvoller Charakter durch nichts überboten werden zu können scheint. Die Frage lautet: Gibt es jenen im Lateinischen innerhalb einer und derselben Sprache bedeuteten Zusammenhang zwischen dem Herzen und dem Glauben vielleicht auch für das deutsche Wort »Glauben«? Die Antwort lautet: Ja, denn es scheint überraschenderweise einen Zusamenhang mit einem Wort des Arabischen zu geben. Wie Arnold Wadler in seinem Babylon. Auf der Suche nach der Ursprache ausführt, entspringen das deutsche Wort »Glauben« und das arabische Wort für Herz, nämlich qalb derselben Wurzel.

Und sofern der sprachliche Eigensinn des deutschen Wortes »Glauben« auf das Herz verweist, ist es wie kein zweites dazu geeignet, ja dazu geadelt, die Sache des arabisch iman genannten Glaubens in schöner Weise zur Sprache zu bringen. Denken wir an das heilige Wort: »Himmel und Erde umfassen Mich nicht; das Herz meines Dieners aber umfaßt Mich.«

Sofern wir die genannten Zusammenhänge berücksichtigen, verstehen wir mit ihnen an einem beispielhaften Fall, daß jenes zaidansche Programm der Ausmerzung deutscher Wörter aus dem Sprachgebrauch deutschsprachiger Muslime ein großer Fehler, ja ein Akt grober Ignoranz der Tiefe und Weisheit des Deutschen war und ist, der deutlich chauvinistische Züge trägt. Und ich appelliere an die deutschen Muslime, sich von einem gar nicht mal so richtg Deutsch sprechenden Araber nicht an der Nase herumführen zu lassen, sondern bereit zu sein, das arabische iman mit Hilfe des deutschen »Glauben« vielleicht sogar besser zu verstehen, als es sich selbst verstand und versteht, und den Verwandten des einen, nämlich amin, mit dem Verwandten des anderen, »ich gelobe!«, zu bekräftigen.

»Die Liebe zur Heimat ist ein Zeichen des Glaubens«, sagt der Prophet – Allah schicke Segen auf ihn und seine Leute und Frieden. Die Muttersprache ist eine besondere Form von Heimat. Wir sollten nicht aufhören, sie zu lieben und zu pflegen.