Islampress

Die Angst der Christen vor dem Zeugnis des Apostels Barnabas

DAS GRABMAL DES APOSTELS BARNABAS BEI SALAMIS (ZYPERN)

Die Christen haben Angst vor dem Zeugnis des Apostels Barnabas, auf dem der Friede sei, weil, wenn es wahr ist, was er sagt, daß nämlich nicht Jesus, sondern Judas Ischariot gekreuzigt wurde, das ganze neue Christentum in sich zusammenfällt.

Was in Berufung auf professionelle Christen wie Schirrmacher oder Slomp immer wieder behauptet wird, das Barnabas Evangelium nämlich sei die Fälschung eines zum Islam konvertierten Juden aus dem 16. Jahrhundert, das sind, auf Kölsch gesagt, “olle Kamellen”, das stammt von vorgestern und wurde von der Forschung längst widerlegt. Der Grund für die Unbelehrbarkeit jener Leute liegt einfach darin, daß sie bestialische Angst davor haben, jenes Vermächtnis könnte wahr sein.

Unter Christen, genauer gesagt, paulinisch geprägten Christen (das sind heute fast alle), gilt das Evangelium des Apostels Barnabas zu Recht als das am meisten gefürchtete Schriftstück überhaupt. Denn wenn es wahr ist, daß es nie eine Tötung Jesu, auf ihm der Friede, gegeben hat und er nie gekreuzigt wurde, was ja bekanntermaßen auch der heilige Koran, das Letzte Testament des Barmherzigen Gottes an die Menschheit, behauptet, dann ist dieses Christentum erledigt, aus, vorbei. Denn ohne Kreuzestod keine Auferstehung, kein Ostern.

Während der Koran nur sagt, daß Jesus nicht getötet und nicht gekreuzigt wurde, es ihnen damals vielmehr nur so “erschienen” war (“wa lakin schubbiha lahum” (4:157)), liegt die Brisanz des mehrere hundert Jahre älteren Zeugnisses des Apostels Barnabas ja gerade darin, daß es ganz genau erzählt, was es mit jenem Anschein auf sich hat und wie es dazu kam, daß es ihnen so erschien. Daß nämlich der Herr Jesus, als die Häscher anrückten, um ihn zu verhaften, von vier Engeln in den dritten Himmel erhoben wurde, währen Judas Ischariot, der Verräter, durch göttlichen Befehl das Aussehen und die Stimme Jesu erhielt, so daß nicht nur die Soldaten, sondern sogar die Jünger selbst und die Familie Jesu geglaubt hatten, er wäre es gewesen, der verhaftet, gekreuzigt und getötet wurde (vgl. Barnabas-Evangelium, Kap. 216 ff., S. 298 ff.), da dies alles tatsächlich dem Judas widerfuhr. Genau das ist der präzise Sinn des koranischen “schubbiha”, und es läßt auch das Hin und Her des Leidensweges des Judas zwischen dem Hohen Rat und dem Statthalter Pilatus in nie dagewesener Klarheit verstehen.

Und es ist es eben auch, was Christen heute nahezu dazu zwingt, die Authentizität des Barnabas-Evangeliums zu leugnen und sich wie an einen Strohalm der Ertrinkende an die These zu klammern, dieses heilige Vermächtnis sei in Wahrheit die Fälschung eines zum Islam konvertierten Juden aus dem 16. Jahrhundert, was die Schirrmachers und Slomps noch heute propagieren, obwohl neuere Forschung den einzigartigen Rang und das hohe Alter des Barnabas Evangeliums längst erwiesen hat.

Der Text dieser besonderen Schrift mit dem Namen “Barnabas-Evangelium” hat immer mehr das Interesse hochkarätiger Forscher verschiedener Disziplinen auf sich gezogen, weil vieles dafür spricht, daß es sich bei ihm, so man von einigen marginalen Änderungen aus neuerer Zeit absieht, um ein ältesten Zeiten jüdischen Christentums entstammendes Zeugnis handeln muß.

Religionswissenschaftler, Sprachanalytiker und Kenner alter Sprachen, gerade des so wichtigen Aramäischen, die sich mit dem Barnabas-Evangelium befaßt haben, sind zu der Auffassung gekommen, daß es sich bei dem Werk um einen authentischen Ausdruck einer judenchristlichen Tradition handelt, welche sich, im paulinischen Christentum vorübergehend zum Schweigen gebracht, eigenartigerweise im Islam bis heute fortentwickelt. Daß das Barnabas-Evangelium Muslime und Christen gleichermaßen dadurch überrascht, daß es “islamisch” anmutet, ist indes nicht die Folge einer islamischen Fälschung, wie es jene erwähnten Lobbiisten gern hätten, sondern nurmehr ein schöner Ausdruck dessen, daß das Judenchristentum und der Islam sich unvermutet als aufs engste verwandt erweisen, ja einen konsequenten Entwicklungsstrang heilsgeschichtlicher Offenbarungen darstellen, der gegenüber das paulinische Christentum nur als eine Häresie erscheinen kann.

Eine sehr wichtige Studie zur Bedeutung des Barnabas-Evangeliums war eine Dissertation, die Luigi Cirillo und Paul Fremaux 1975 an Frankreichs Eliteuniversität Sarbonne eingereicht hatten. Der summa cum laude benoteten Arbeit Luigi Cirillos – später Professor für Religionswissenschaft an der Universität Neapel und Experte auf den Gebieten des Judenchristentums und des Manichäismus – war eine detailierte Einführung Henry Corbins vorangestellt worden, eines der führenden Orientalisten seiner Zeit. Cirillo konnte in dieser Studie zeigen, daß dem Wiener Text der im Spohr Verlag erschienenen deutschen Ausgabe des Barnabas-Evangeliums [vgl. Wiener Staatsbibliothek: Cod. 2662 Eug] ein judenchristliches Evangelium östlicher Herkunft zugrundeliegt, welches aber wie alle frühchristlichen Texte während seiner langen Geschichte einige Metamorphosen durchgemacht hatte.

In grundsätzlicher Übereinstimmung mit dem Katholiken Cirillo befindet sich der jüdische Religionswissenschaftler Prof. Shlomo Pinés, der im Barnabas-Evangelium Überlieferungen fand, die man aus apokryphen judenchristlichen Schriften der ersten Jahrhunderte kennt. Ein schönes Beispiel liefert die Geschichte von Abrahams Kindheit, die ihre Parallele in der Apokalypse Abrahams findet, einem seltenen Apokryphon aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, welches, viele Jahrhunderte lang unbekannt geblieben, in Form einer altkirchenslawischen Übersetzung im 19. Jahrhundert wieder das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte. Die jüngste Edition dieses Textes verweist in ihrem Apparat mehrfach auf das Barnabas-Evangelium, welches, von herausragenden Gelehrten immer deutlicher erkannt, unvermutet an Bedeutung gewinnt.

Prof. Henri Corbin hat in einer 1976 an der christlichen Universität von Jerusalem gehaltenen Vortragsreihe erstaunliche Parallelen offengelegt, die zwischen dem Barnabas-Evangelium, der shiitischen Prophetologie und den frühchristlichen Reisen des Petrus bestehen, welche in der Terminologie paulinisch gefärbter Religionswissenschaft bis heute irreführend «Pseudo-Clementinen» genannt werden.

Schließlich veröffentlichte der Aramäisch-Spezialist Jan Joosten, Professor an der Universität Straßburg, in der Januar 2002 Ausgabe des Harvard Theological Review unter dem Titel “The Gospel of Barnabas and the Diatessaron” eine ausführliche Studie, die den klaren Nachweis liefert, daß große Teile des Barnabas-Evangeliums jener “Evangelienharmonie” Tatians entsprechen, die um 180 nach Christus in aramäischer Sprache zusammengestellt worden war.

Die angedeuteten Arbeiten der gerade genannten Gelehrten verdienten es nun, mit den Antworten, die sie geben, und den weitreichenden Fragen, die sie hervorrufen, einmal dezidiert gewichtet zu werden. Ihnen gegenüber werden sich – soviel ist jetzt schon zu sagen – die Fälschungsvorwurf-Pamphlete der Slomps und Schirrmachers und all derer, die sie ohne Sinn und Verstand nachbeten, als zweit- oder drittklassige und sachlich unhaltbare Agitationen voller Fehler und willkürlicher Annahmen erweisen, eine unerfreulich zähe Lektüre eben. Daß neben Christen auch muslimische Leute jener stereotyp und unbelehrbar vorgebrachten Fälschungspropaganda zum Opfer fallen, ist insofern von gewisser Bitterkeit, als gerade die Muslime den besonderen Wert des Barnabas-Evangeliums am ehesten hätten entdecken können, da sie ihm sachlich und genealogisch doch so nahestehen, wie es der Religionshistoriker H. J. Schoeps deutlich erkannte, der sein richtungsweisendes Werk “Das Judenchristentum” mit dem bemerkenswerten Satz beschließt: «Und somit ergibt sich als Paradox wahrhaft weltgeschichtlichen Ausmaßes die Tatsache, daß das Judenchristentum zwar in der christlichen Kirche untergegangen ist, aber im Islam sich konserviert hat und dadurch in einigen seiner treibenden Impulse bis in unsere Tage hineinreicht.»

Mit anderen Worten kann man sagen, daß die wahren Erben Jesu Christi, die wahren Christen der Gegenwart, diejenigen sind, die man heute Muslime nennt.

Abschließend sei gesagt, daß das umwerfend wunderbare Erbe des Apostels Barnabas, das uns in seinem Evangelium gegenübertritt, noch heute einen ganz bestimmten Segen in sich trägt, der den Leser, unabhängig davon, welcher Religion er sich zurechnet, nachhaltig erhebt und beglückt.

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