Islampress

Das Kopftuch - wie der Staat obszön wird

Das Bild zeigt den Protest französischer Schwestern [picture-alliance/ dpa]. Daß ein deutsches Gericht nun einer Muslimin sogar das Tragen einer Baskenmütze verbietet, beweist einmal mehr, daß jene fatale Mär, das Kopftuch sei ein religiöses oder politisches Symbol, seinen Siegeszug angetreten hat, da es doch in Wahrheit überhaupt keinen Zeichencharakter hat und deshalb auch kein Symbol ist, sondern wesentlich eine private, persönliche, existenzielle Bedeutung hat. Ein Gemeinwesen, das das nicht respektiert, kann nur obszön und barbarisch sein.

Wenn es wahr ist, daß die Muslimin das Kopftuch trägt, um sich zu bedecken – und es ist wahr, daß sie es zu diesem Zwecke tut –, dann lautet die Frage, wie es geschehen konnte, daß diese Wirklichkeit der persönlichen Dimension der Kopftuchfrage bislang unbeachtet blieb und alle statt dessen von einem religiösen oder politischen Symbol sprechen, das das Kopftuch sei. Wie kann es sein, daß die klassische bürgerliche persönliche Freiheit des sich im Rahmen des Schicklichen eigenem Gusto folgenden Kleidens und Kleiden-Dürfens plötzlich außer Kraft gesetzt wird? Es müssen Barbaren sein, die es verbieten wollen, daß eine Frau sich so kleidet, wie sie es will. Es muß doch ihre persönliche Entscheidung bleiben können, ein Kopftuch zu tragen oder nicht zu tragen. Indizien sprechen dafür, daß diese Wirklichkeit des persönlichen Charakters des Sich-Bedeckens allen Beteiligten bekannt ist und deren Unterdrückung willentlich geschehen muß, ja wesentlich zwei Motive hat: Neben einem – fast könnte man sagen, ehrenwerten – Neid auf die Reinheit, Beschütztheit und Schönheit der Sich-Bedeckenden ist es nackter Voyeurismus, pure Lust an der Enthüllung des Bedeckten, eine perverse Gier an Entblößtem. Ein Staat, der sie bedient, kann nur obszön sein.

Beispielhaft dafür, wie die Bedeutung des Kopftuches in der öffentlichen Diskussion in ihr schlichtes Gegenteil verkehrt wird, ist immer noch jene Presseclub-Sendung vom 28. September 2003, wo, angeführt von einer giftversprühenden Alice Schwarzer, enttäuschend falsche und enttäuschend dumme Behauptungen zur Kopftuchfrage verbreitet wurden, die nebenbei auch noch einen die Musliminnen verunglimpfenden Charakter hatten. Es ist eine bodenlose Frechheit, wenn immer wieder behauptet wird, die Muslimin würde das Kopftuch nur gezwungenermaßen tragen.

Der Wahrheit hatte diese Gesprächsrunde – hier war Peter Voß ein deutlicher Vorwurf des Verstoßes gegen journalistische Sorgfaltspflicht zu machen – schon dadurch einen schlechten Dienst erwiesen, daß die Auswahl ihrer Disputanten viel zu homogen war, man (mit Ausnahme des “Staatstürken” Faruk Sen) keine Vetreter der islamischen Presse bzw. auch nur einen Befürworter des Kopftuches eingeladen hatten. So war es den Teilnehmern mit Ausnahme von Martin Klingst vom Rheinischen Merkur nicht gelungen, den entscheidenden Punkt der Kopftuchfrage auch nur von ferne zu berühren. Denn der liegt nicht im Politischen oder im Religiösen als einer Demonstration, sondern schlicht und einfach im Persönlichen, Individuellen, Existenziellen.

Das Kopftuch scheint, näher besehen, nicht nur kein politisches Symbol zu sein, sondern nicht einmal ein religiöses, weil es schlicht gar kein „Symbol“ ist. Wenn dieses nämlich eine Art von Zeichen ist und es zur semiologischen Grundlage gehört, daß ein Zeichen immer jemandes Zeichen von etwas für jemanden ist, dann ist es nicht zulässig, das Kopftuch als Zeichen zu betrachten, wenn eine dieser Bedingungen fehlt. Wenn unsere Frauen, Schwestern, Töchter das Kopftuch nicht als ein so verstanden explizites „Zeichen“ verstehen, dann ist es das auch nicht, und damit kein Symbol.

Unsere Großmütter, junge Frauen, Schwestern im Krankenhaus, Nonnen, Mädchen im Regen. Sie alle tragen oder trugen Kopftuch. Natürlich hat das Kopftuch zunächst auch einen pragmatischen Sinn, gegen physische Unbill nämlich zu schützen. Zugleich, unter grober Alice-Schwarzer-gefärbter Sicht aber so gut wie unsichtbar, wehrt es entscheidend ganz anderen Kräften, seelischen, geistigen, sozialen Kräften. Es schützt in vielfacher Weise vor den Kräften, die die Frau bedrängen, wenn sie sich in die Öffentlichkeit begibt. Denn dort wirken explosive Kräfte, die vor allem den Unterschied der Geschlechter betreffen. Und hier schützt das Kopftuch in beinahe wundersamer Weise all die wunderbaren Frauen, die es deshalb auch lieben, schätzen und nutzen. Das Kopftuch ist nicht politisches Mittel oder Zeichen, sondern betrifft etwas absolut Persönliches, es ist Ausdruck einer Entscheidung in einer existenziellen Frage. Das Kopftuch ist wesentlich ein Ausdruck der Scham.

Ist das Kopftuch eben kein politisches oder ideologisches Mittel – das „politische Kopftuch“ findet sich vor allem im Kopf von Frau Schwarzer und laizistischer Türken –, sondern etwas ganz Persönliches, Ausdruck der Scham eines weiblichen Wesens, das sich in der Öffentlichkeit aufhält und sich im Bewußtsein der in der Öffentlichkeit waltenden explosiven Kräfte vor ihnen schützt, dann ist es schon Unrecht, wenn Staat und Politik sich hier überhaupt anders als zum Zwecke der Sicherung dieses Freiraums einmischen. Es ist ein recht verstanden intimer Ort, der von Staats wegen nicht betreten werden darf.

Mit Blick auf das Kopftuch hat Sheikh Nâzim Efendi einmal gesagt: „Mit dem Glauben wächst die Scham.“ Der Grund dafür, daß religiöse Leute – das sieht man ja auch am Beispiel der Nonnen – den Kopf bedecken, was auch für die Männer gilt, liegt darin, daß Religion den Sinn für die Wirklichkeit der herrschenden Kräfte schärft und die Kraft, das Gute zu wollen, befördert. Und ein Mittel zur Beförderung des Guten ist der frommen Frau das Kopftuch, mit dem sie nicht bloß Übel abwehrt, sondern zudem den eigenen Mann zu Hause um so mehr beglückt, wenn sie es ablegt. Deshalb sind die muslimischen Frauen – das muß einmal deutlich gesagt werden – in ihrer Scham auch die kostbarsten, wunderbarsten, edelsten. Und hier stellt sich erneut die Frage,ob die ganze Kopftuch-Affäre doch nurmehr ein Ausdruck des Neides auf jene wunderbaren Geschöpfe ist, die sich in der Öffentlichkeit bedeckt halten. Sind sie es, denen in Wahrheit der Kampf gilt?

Jene in so peinlich verdrehter Weise trötend geführte Diskussion scheint, näher besehen, wesentlich ein Ausdruck dessen zu sein, daß Reinheit des Sich-Bedeckens als eine ungeheure Provokation aufgefaßt wird? Würde aber ein wirklich kultiviertes Volk jemals auf die perverse Idee kommen, so etwas überhaupt apodiktisch durch ein Gesetz regeln zu wollen? – feinere Gesellschaften würden es selbstverständlich den Frauen selbst überlassen, wie sie sich kleiden.

Frankreich hat es in einem Anfall von Geistesverwirrtheit so weit gebracht, daß es in Zukunft sogar Schülerinnen verboten sein soll, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Wer das auch für Deutschland will, müßte erst einmal die Schulpflicht abschaffen, denn wenn die Muslimin gezwungen wäre, ihr Kopftuch in der Schule abzulegen, zugleich aber gezwungen wäre, die Schule überhaupt zu besuchen, so folgt daraus, daß kaum ein Verfassungsrichter beides nebeneinander dulden können würde. Es kann nicht erlaubt sein, daß der Staat die Muslimin in ein Haus zwingt, wo er sich dann herausnimmtt, sie zu entblößen. Das heißt, ein Verbot des Tragens des Kopftuchs in der Schule wäre mit der Schulpflicht nicht vereinbar, sofern elementare Persönlichkeitsrechte nicht außer Kraft gesetzt werden. ◆